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Das Alien Contact Jahrbuch 2004

Eine Rezension von Nina Horvath
 

 

Das Alien Contact Jahrbuch 2004 stellt einen Sammelband der Ausgaben 58 bis 63 dar und somit eine gute Alternative für all jene, die das beliebte Magazin nicht am Bildschirm, sondern ordentlich gedruckt lesen wollen.
Neben den zahlreichen Computerbildchen, die die Kleinverlagsszene beherrschen, hebt sich dieses sorgfältig nach alter Kunst gemalte und tiefgründige Titelbild wohltuend ab – auch gegen die Inneillustrationen anderer Grafiker. Mit dem Maler Julio Viera hat der Shayol Verlag einen wahren Glücksgriff getan! Hoffen wir, dass er noch viele Bücher aus dem Programm mit seinen Werken veredeln wird.
Weiter geht es mit dem Vorwort von Hardy Kettlitz, in dem er die Frage aufwirft, ob 2004 ein gutes Sciencefiction-Jahr war, zu einem überraschenden Ergebnis kommt und gleichzeitig Appetit auf das Jahrbuch macht.
Vorausgeschickt werden sollte, dass man in diesem Jahrbuch nicht nach Berichten zu amerikanischen Mainstream Serien und Filmen suchen sollte, denn darüber findet man in diesem Buch nichts. Doch gerade dadurch kann sich Alien Contact von der üblichen, nervigen Herr-der-Ringe-Vermarktungsorgie lösen und eigene, interessante Inhalte bieten. Denn der Fantasybereich hat ja so viel mehr zu bieten, allein im deutschsprachigen Raum innerhalb der SF – denn auf dieses Gebiet konzentriert sich das Jahrbuch, ohne dass dabei die internationalen Bereiche zu kurz kommen.
Auf diese Weise kann der Autor entdecken, dass es vor seiner eigenen Haustür viel Interessantes zu entdecken gibt. Besonders hervorgehoben seien hier Interviews und Chatprotokolle , wobei ich persönlich die interessantesten Erkenntnisse von denen mit Michael Marrak, H.W.Franke und Helmuth Mommers erhalten habe. Besonders passend finde ich, dass zu dem Interview mit dem Österreicher Mommers auch gleich eine Geschichte des Autors mit abgedruckt wurde, sodass sich auch uneingeweihte Leser ein Bild von dessen Schreibweise machen können. Und dass diese wirklich interessant ist, zeigt sein Text „Personal Android“ sehr gut. Es handelt sich um eine aberwitzige Verwechselungsgeschichte, selbstverständlich um eine in einer Zukunftswelt. Ungewöhnlich hierbei ist hier, dass den Leser sexuelle Schilderrungen nicht vorenthalten werden – denn die Sciencefiction ist ja bekanntlich verschrieen, ein Genre für Kinder zu sein – dementsprechend selten werden Geschichten aus dem Dunstkreis veröffentlicht, bei denen es so richtig zur Sache geht – obwohl es sicherlich ein ausreichend großes Zielpublikum dafür geben würde.
Doch sicherlich mehr in Richtung Schockieren geht wohl „Invasion der Urianer“ des Autors Ian Watson. Er knöpft sich gleich zwei Tabus unserer Gesellschaft vor: Einerseits die detaillierte Beschreibung von Homosexualität, andererseits die Verwendung Adolf Hitlers als Charakter – nicht etwa als verhasster, dämonisierter Bösewicht, sondern als von der Hauptperson geradezu angebetetes Objekt. Mit seiner Vision von fliegenden Schiffen und Magie im dritten Reich, wo historische Fakten mit Fiktion verschmelzen, begibt sich Watson auf heikles Terrain – schafft aber eine spannende Geschichte, die ohne Wink-mit-dem-Zaunpfahl und erhobenem Zeigefinger zum Nachdenken anregt.
Überhaupt fällt mir auf, dass mit „Blind Date/Maximum“ von Till Westermeyer gleich mehrere Geschichten in dem Band vorhanden sind, bei denen es durchaus zur Sache geht – in letztgenanntem Text in Form von Cybersex.
„Der Rosenzüchter“ von Boris Babura beschäftigt sich ebenfalls mit der Fleischeslust, allerdings im wörtlichen Sinne: Hierbei geht es um einen Mann, dessen Aufgabe es, die sogenannten Fleischrosen zu züchten – als weitgehend gehirnlose, angeblich nicht zu Schmerzempfinden fähige Organismen stellen sie in der Zukunft die bedeuternste – und nach Ausrottung der Tiere auch einzige – Fleischquelle dar. Doch eine der „Rosen“ verändert sich plötzlich auf seltsame Weise...
Kelly Links „Nelke, Lilie, Lilie, Rose“ stellt hingegen eines der interessantesten Gedankenexperimente zum Leben nach dem Tod dar. Ein Mann ist alleine auf einer Insel – und er ist tot. Seine Erinnerung hat nachgelassen. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt stellen seine Briefe an seine Frau dar, die unbeantwortet bleiben und sie vermutlich nie erreichen. Nicht einmal wie sie heißt, kann er sich erinnern – so belegt er sie mit allen Namen, die ihm einfallen.
Ähnlich surreal ist „Sandfieber“ der russischen Autoren Arkadi und Boris Strugatzki, die erste Geschichte, die von dem berühmten Duo gemeinsam geschrieben wurde und die nun in deutscher Erstveröffentlichung vorliegt.
Damit ist das Geschichtenrepertoire von Alien Contact noch lange nicht aufgebracht, auch wenn die meiner Ansicht nach originellsten Werke bereist genannt wurden. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass es in George R. R. Martins „Manna vom Himmel“ ein Weidersehen mit dem katzenvernarrten Raumschiffkapitän Tuff gibt, der schon in früheren Ausgaben zu den beliebten Charakteren zählte.
Allein für die Geschichten hätte sich das Jahrbuch schon gelohnt, doch noch immer gibt es massig Stoff zu lesen. Mit Jeff Gardiners „Die Tore zum Paradies“ über die verschiedenen Spielformen der Fantasy versucht man auch ein wenig den Fantasyfans gerecht zu werden. Obwohl die Artikel nicht übel sind, stehe ich dem Unterfangen eher skeptisch gegenüber – zu viele Sciencefictionpublikationen sind schon so von Fantasy durchsetzt, dass sie ihr ursprüngliches Zielpublikum nicht mehr begeistern können. Warum also darauf bestehen, auch Fantasy bringen zu müssen? – Schon allein der Titel der Publikation suggeriert ausschließlich dem SF-Leser den Kauf – denn welcher „Fantast“ hat schon etwas mit Aliens am Hut?
Da spricht mich Christian Hoffmanns „Science Fiction und Satire“ weitaus mehr an. Doch bei über 300 dichtgepackten Seiten muss man ja auch nicht jede einzelne Seite lesen, obwohl es sich in den meisten Fällen doch lohnt.
Mir gefallen auch die „Interpretationen klassischer Science Fiktion“ sehr gut – diese haben nur einen Haken: Kennt man das besprochene Werk noch nicht, kann es passieren, dass man flugs wieder ein Buch mehr auf seiner Wunschliste hat. Nach der Lektüre steht bei mir jedenfalls Philip K. Dicks „Ubik“ drauf.