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Edgar Allan Poe
Faszination des Grauens

Eine Rezension von Nina Horvath

Bei vorliegendem Sammelband von Erzählungen Edgar Allan Poes fällt zuerst einmal der Umfang ins Auge: Mit etwa achthundert Seiten zählt er sicherlich zu den voluminöseren Produkten auf dem Buchmarkt.
Weiterhin sehr erfreulich ist die äußere Gestaltung: Das Cover ist fast ausschließlich in Schwarz gehalten, nur durchbrochen von etwas Blau und einem satten Rot. Das Buch ist hiermit nicht nur eine Zierde für das Bucherregal, dank des festen, ja schier unverwüstlichen Einbandes bleibt es das auch.

Doch neben diesen Äußerlichkeiten kann sich vor allem der Inhalt sehen lassen: Immerhin enthält "Faszinationen des Grauens" praktisch alle gut bekannten Geschichten Poes. Höhepunkt ist natürlich "Der Untergang des Hauses Usher", ein Werk, das an perfekt-düsterer Stimmung nicht überboten werden kann. Verfall, Tod und Wiederkehr von den Toten stellen die zentralen Themen dieses schaurigen Meisterwerkes dar.
Mit ganz ähnlichen Motiven arbeiten auch die Geschichten "Ligeia" und "Morella", in denen die Frau des Protagonisten stirbt und in anderer Form - einmal im Körper ihrer eigenen Tochter, einmal in dem der zweiten Ehefrau - wiederkehren.

Morde, aus der Sicht des Täters erzählt, bilden den Kern gleich mehrerer Geschichten. Sicherlich die bekannteste hiervon - wohl eine der berühmtesten Horrorgeschichten der Weltliteratur überhaupt - stellt "Das verräterische Herz" dar. Darin wird der Täter durch das immer noch klopfende Herz seines versteckten Mordopfers überführt. Nicht bekannt war mir, dass mit "Der Geist des Bösen" eine ganz ähnliche Geschichte - die auch von der Qualität her überzeugt - vorliegt. Der Protagonist bringt sein Opfer mit einer vergifteten Kerze um. Der Tod scheint ein natürlicher zu sein und der namenlose Ich-Erzähler ist sich eines bewusst: Die Tat wurde so perfekt geplant, dass sie niemand aufdecken kann - es sei, er verrät sich selbst ...

"Der schwarze Kater" ist eine ungewöhnliche Geschichte, in der das titelgebende Tier eine zentrale Rolle spielt. Der einstige Tierfreund quält darin im Alkoholrausch seine geliebte Katze zu Tode. Aufgrund seines schlechten Gewissens nimmt er dann ein ganz ähnliches Tier zu sich. Doch dieses scheint mehr zu sein als ein Kater ähnlichen Aussehens: Er führt ihm seine Schuld durch für ihn eindeutige Zeichen immer wieder von Neuem vor Augen. Als er ihn schließlich erschlagen will, trifft seine Axt statt dessen seine Frau, deren Leiche er sofort kaltblütig im Keller einmauert. Das Versteck wäre perfekt - wäre da nicht noch der Kater, der ihn verrät und letztendlich der Todesstrafe ausliefert.

Um Verbrechen geht es auch in "Der Mord in der Spitalgasse" und "Das Geheimnis von Marie Rogêts Tod". Allerdings wird die Handlung nicht aus der Sicht des Täters, sondern aus der des Detektivs Dumpin erzählt. In beiden Fällen geht es um Morde, die aufgrund ihrer Grausamkeit und Rätselhaftigkeit durch die Schlagzeilen wandern.

Ein weiterer Favorit meinerseits stellt "Das Foltern" dar. Darin befindet sich ein Mann im Kerker der Inquisition. Im finsteren Verlies warten zahlreiche Qualen auf ihn. Diese bestehen jedoch nicht - wie man erwarten würde - aus körperlicher Gewalt, sondern stellen eine psychische Zerreißprobe für die Hauptperson dar. Gipfel der Grausamkeit ist hierbei ein langsam immer tiefer schwingendes Pendel mit einer messerscharfer Klinge. Nicht Blut und herausspritzende Eingeweide sind es, die den Leser das Fürchten lehren, sondern die nackte Angst angesichts des Unabwendbaren!

"Faszinationen des Grauens" enthält noch viele andere Geschichten, doch zu groß ist ihre Fülle, um auf jede einzeln einzugehen. Er zeigt sich jedoch, dass Poes Stärke eindeutig bei der Zeichnung von Opfern und Tätern liegt.

Weicht er von diesem Konzept ab, reiht er sich in die Liga der durchschnittlichen Autoren ein, wie das beispielsweise mit dem äußerst schwachen Gruselwerk "Der Teufel im Glockenspiel" der Fall ist. Insbesondere mit seinen klischeehaft - verkitschten Schilderungen der sauerkrautvergötternden Niederländer stößt er an die Grenze des Erträglichen! "Die Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall" gehört ebenfalls zu den Werken, die ich mir selbst nur ungern zumute. Zwar mag die Geschichte eines Mannes, der mittels Heißluftballon zum Mond reist, ein interessantes Zeugnis früher Science-fiction sein. Die schier endlose Schilderung pseudowissenschaftlicher Vorgänge ruft jedoch - gerade beim technikverwöhnten Leser - nichts als Langeweile hervor.

Trotzdem: Derartige Ausfälle bleiben eine Ausnahme und mehr als andere Sammlungen von Poes Werken - der nicht umsonst als Vater der Kriminal- und Horrorgeschichte gilt - zeigt sie die unermessliche Genialität des für seine Zeit fortschrittlichen Schriftstellers.