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Torsten Sträter
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Hämoglobin
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Eine Rezension von Nina Horvath
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Die versprochene Anleitung zum Bau
thermonuklearer Sonnenbrillen konnte ich zwar nicht finden, dafür
enthält das Buch „Hämoglobin“ zehn gute Horrorgeschichten. Das
stellt wahrlich eine Überraschung dar, denn mancher mag an Werke aus
Kleinverlagen, die ihre Bücher in kleiner Auflage irgendwo in
Osteuropa drucken lassen, wie es der Eldur Verlag zweifelsohne macht,
mit Schaudern denken. Zudem wird mit keinem sonderlichen Ernst an die
Sache herangegangen, neben dem bereits erwähnten Scherz wird der
Leser im Impressum mit Aussagen wie "Wer Rechtschreibfehler
findet, darf sie behalten" und "Umschlaggestaltung: Irgend
so ein Gnom aus dem Keller" konfrontiert. Nun, es muss ein recht
begabter Gnom gewesen sein, denn das Titelbild mit dem in rot
gehaltenen, diabolisch grinsenden Playmobilmännchens vor schwarzem
Hintergrund mag zwar eine relativ einfache Grafik sein, aber zum
Inhalt des Buches durchaus passend.
Der Lebenslauf Torsten Sträters ist ähnlich schräg, so erfährt der
Leser, dass die Hebamme dieses Autors tot in einem Kornfeld gefunden
wurde, er Bedienungsanleitungen für Kaffeemaschinen geschrieben hat
und Clowns hasst. Ob es sich um tatsächlich relevante Informationen
handelt, sei dahingestellt, aber auf jeden Fall macht diese
unorthodoxe Vorstellung schon mal Appetit auf das Werk.
Zunächst gibt es aber noch ein kurzes Vorwort, wobei ich es gut
finde, dass der Schriftsteller erklärt, wie es zu dem Reihentitel
"Jacks Gutenachtgeschichten" kam.
Mit "Jägerlatein" legt Sträter schon mal ordentlich los.
Ein Mann sieht seine Mitmenschen plötzlich als Raubtiere, um sich
beruhigen, nimmt er zuerst Medikamente, dann Drogen und verstrickt sich
auf diese Weise nur noch schlimmer in seine Wahnvorstellungen. Darauf
folgt die titelgebende Geschichte "Hämoglobin", wo ein
Lieferant von Blutproben einer so großen Hitzewelle ausgesetzt wird, dass
er auf grausame Weise zugrunde zu gehen droht. Es ist zwar nicht meine
Lieblingsgeschichte in dem Buch, aber das ganze ist durchaus solide
erzählt.
"Der Geruch von Blau" spielt an einem ähnlich alltäglichen
Schauplatz, nämlich in einem Pensionistenheim, wo ein uralter Mann
einem Paketelieferanten von seinen schrecklichen Erlebnissen als
junger Seemann berichtet.
Richtig modern präsentiert sich da "Berechtigter Münzeinwurf",
wo ein Mann den Zwang hat, bei diversen Automaten zu kaufen und statt
der Ware abgeschnittene Körperteile geliefert bekommt.
Es folgt mein persönlicher Favorit: "Der Mitbewohner". Das
Thema Werwolf mag ja schon oft bearbeitet worden sein, aber Sträter
schafft es, dem ganzen eine neue Seite abzugewinnen. Sein Werwolf ist
weder gut noch böse, er ist in gewisser Weise sympathisch - und
trotzdem aufgrund seiner Natur ein unerträglicher WG-Genosse!
In "Nachtprogramm" zeigt der Autor nach all dem Horror plötzlich
eine sensible Seite. Einfühlsam schildert er die Gefühle einer alten
Frau, deren geliebter Mann gestorben ist. Doch dieser ist selbstverständlich
nicht endgültig tot, sondern taucht in verschiedenen Sendungen des
Nachtprogramms auf. Doch der Autor wurde dem in den vorhergehenden
Geschichten aufgebauten Ruf wohl nicht gerecht werden, wenn nicht noch
ein dickes Ende nachkäme ...
"Eine Frage der Form" hingegen gefällt mir nicht so gut.
Zwar kommt die beabsichtigte apokalyptische Stimmung gut rüber, aber
die Weltuntergangsgeschichte mit Anrufung des Teufels mit Hilfe eines
Artefakts ist ein wenig konfus.
"Saldo Mortale" ist wieder eine wirklich grausame
Geschichte, die tiefe Einblicke in die Gedankengänge eines
Geistesgestörten ermöglicht. Dieser glaubt, durch eine gute Tat eine
schlechte frei zu haben. Dass diese in keinerlei Relation zueinander
stehen - so glaubt er beispielsweise, indem er einem Kind über die
Straße hilft, würde es nichts ausmachen, wenn er dafür ein anderes
tötet – stört ihn nicht.
"Ein Brief, zähneknirschend verfasst" ist eher eine
schwache, wie der Titel schon vermuten lässt, in Briefform verfasste
Geschichte, die ein verlassener Mann an seine frühere Freundin
richtet.
Ebenfalls verlassen wurde auch der Protagonist in "Mr. Daniels
und ich an der Tankstelle der lebenden Toten". Der Ich-Erzähler
ist davon so niedergeschlagen, dass er zum Alkoholiker wird. Um
Nachschub an Jack Daniels zu bekommen, kauft er an einer Tankstelle
ein und erfährt bald das grausame Geheimnis: Das Personal besteht aus
Zombies! Überraschenderweise schließt diese Geschichte dann noch mit
einem Happy End, was nach der allgemein schwer verdaulichen Kost ein
einen erfreulichen Abschluss darstellt.
Mich erstaunt, dass in diesem Band viele gute Geschichten enthalten
sind, mehr noch, dass sich kein einziger wirklicher Tiefpunkt darunter
befindet. Nach den anfänglichen, beinahe schon kindischen Scherzen hätte
ich mir das nicht erwartet, aber offensichtlich wurden die Geschichten
sorgfältig geschrieben und ebenso ordentlich überarbeitet und
lektoriert. Die grausamen Darstellungen mögen zwar nicht jedermanns
Sache sein, aber man wird ja schließlich schon durch den Klappentext
vorgewarnt und spricht damit bewusst die geeignete Zielgruppe an.
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