
Interview mit dem Autor Hel Fried über
seinen Roman Tinnitus
Durchgeführt durch Nina
Horvath für das X-Zine
X-Zine: Wo sind Sie aufgewachsen?
Hel Fried: In Österreich. Nichtsdestotrotz bin ich weder Schilehrer noch
Wiener.
X-Zine: Haben Heimat oder ein
besonderes Erlebnis in der Jugend Ihr Schreiben beeinflusst?
Hel Fried: Nicht in dem Maße, dass es erwähnenswert wäre. Obwohl natürlich
ein jeder Mensch durch seine Umwelt geprägt wird.
X-Zine: Wann und warum haben Sie
begonnen zu schreiben?
Hel Fried: Das war vor etwa fünf Jahren. Ich habe immer schon gern gelesen und
mich auch gern mit anderen über Literatur unterhalten. Dazu habe ich mich viel
in Literatur-Chats aufgehalten. Dort traf ich auch immer wieder auf Menschen,
die selbst schrieben. Irgendwann dachte ich: "Das kannst du doch
auch." Also habe ich mich einfach hingesetzt und zu schreiben begonnen.
Damals habe ich noch viel auf Englisch übersetzt, da die meisten meiner
Freunde, von denen ich gerne Kritik dazu wollte, kein Deutsch beherrschten.
X-Zine: Welche Person hat Ihr
Schreiben beeinflusst?
Hel Fried: Zu dem Punkt möchte ich sagen, dass ich von Vorbildern nicht viel
halte. Ich sehe keinen Sinn darin, so sein zu wollen wie jemand anders. So kann
immer nur eine schlechte Kopie herauskommen. Man sollte versuchen seinen eigenen
Stil zu finden, verglichen wird man dann mit anderen von ganz allein.
Nichtsdestotrotz gibt es natürlich andere Autoren, deren Werke ich sehr schätze,
aber gerade deswegen versuche ich nicht sie nachzuahmen.
X-Zine: Welches Buch lesen Sie
gerade?
Hel Fried: Zur Zeit lese ich "Unterm Doppelmond" von Peter Lancester.
X-Zine: Was ist ihre Lieblingsfarbe?
Hel Fried: Blau
X-Zine: Welche Musik hören Sie
gerne, auch beim Schreiben?
Hel Fried: Mein Musikgeschmack ist nicht so einfach zu definieren. Ich gehe da
nicht nach Bands und Stilen, sondern entscheide was mir gefällt, wenn ich es höre,
also meistens im Radio oder auch in Filmen. Konkret höre ich zur Zeit the
Breeders und Manu Chao. Aber während des Schreibens höre ich gar keine Musik.
Eher in den Pausen, zur Entspannung.
X-Zine: Wann und wo kommen Ihnen
Ihre besten Ideen?
Hel Fried: Meine besten Ideen habe ich bei körperlicher Anstrengung. Zum
Beispiel während er Gartenarbeit oder beim Joggen, was ich in letzter Zeit sträflich
vernachlässigt habe. Ich weiß nicht warum das so ist, vielleicht hat es mit
der erhöhten Aufnahme von Sauerstoff zu tun.
X-Zine: Haben Sie ein Lieblingsbuch,
selbst verfasstes oder fremdes?
Hel Fried: "Also sprach Golem" von Stanislaw Lem. Ein faszinierender
Monolog des Supercomputers Golem und seine Ansichten über die Menschheit.
X-Zine: Welches Buch/Geschichte
eines fremden Autors hätten Sie gerne selber geschrieben?
Hel Fried: Ganz klar, Alfred Besters "The Stars my Destination".
Bester hat in dieses eine Buch so viele einzigartige Ideen der Science-Fiction
gepackt, dass es fast unmöglich erscheint, etwas Vergleichbares noch einmal zu
schreiben. Man würde sich damit auch nichts Gutes tun, denn wenn man neunzig
Prozent der Ideen eines Menschenlebens in ein einziges Buch steckt, was bleibt
dann noch für andere Romane?
X-Zine: Woran arbeiten Sie derzeit?
Hel Fried: Parallel zu mehreren Kurzgeschichten arbeite ich an meinem zweiten
Roman "Babel Kinder". Er ist ebenfalls in der Zukunft der Menschheit
angesiedelt, geht aber in eine völlig andere Richtung als "Tinnitus".
In "Babel Kinder" existiert die perfekte Gesellschaft. Der Roman
spielt in einer Welt, die vollständig automatisiert ist und in der den Menschen
alles, was sie zum Leben brauchen, zur Verfügung gestellt wird. Niemand braucht
zu arbeiten, wenn er nicht will, jedem bleibt es selbst überlassen sich sein
Leben nach eigenem Willen einzurichten. Natürlich bleibt es nicht bei diesen
paradiesischen Zuständen, zumindest nicht für Frederik Vincent, den
Hauptcharakter.
X-Zine: Was sind die schwierigsten
Arbeiten als Hel Fried für Sie heute?
Hel Fried: Das Signieren von Büchern. Ich habe eine derart hässliche
Handschrift, dass ich mich jedes Mal dafür entschuldige, wenn ich damit ein
Buch entstellt habe.
X-Zine: Wenn Sie auf ihre bisherigen
Werke zurückblicken, welches würden sie heute gerne noch mal schreiben?
Hel Fried: Ich bin im Großen und Ganzen eigentlich zufrieden mit dem, was ich
veröffentlicht habe. Man kann natürlich alles immer und immer wieder überarbeiten.
Aber irgendwann muss man eine Geschichte oder einen Roman auch loslassen und
sagen: So, du bist fertig!
X-Zine: Was finden Sie so
faszinierend an Ihrem Genre?
Hel Fried: Die Science-Fiction bietet einem Autor eine geradezu unbegrenzte
Auswahl an Themen. Speziell die Auswirkungen zukünftiger Technologie und
Ereignisse auf die menschliche Psyche finde ich interessant. Die moderne
Science-Fiction beschränkt sich ja leider zu oft darauf phantastische
technische Neuerungen zu zeigen. Die zwangsläufigen Auswirkungen solcher
Neuerungen auf die Gesellschaft werden dabei häufig vernachlässigt.
X-Zine: Nun zu Ihrem aktuellen Roman
„Tinnitus“. Könnten Sie dem Leser erklären, was dieser Ausdruck bedeutet
und warum dieser als Buchtitel gewählt wurde, obwohl er im Laufe der Handlung
im Buch selbst keine Erwähnung findet?
Hel Fried: Ein "Tinnitus" ist ein permanentes Geräusch im Ohr, das
nur der Betroffene hören kann. Im Volksmund auch "Ohrensausen"
genannt. Im Buch kommt ein Signal vor, dass nur von telepathisch begabten
Menschen gehört wird. Es verrät nur Herkunftsort, aber nicht was einen
erwartet, wenn man ihm folgt. Dieses Signal ist der "Tinnitus".
X-Zine: Das nächste, was mir auffällt,
ist das Titelbild. Um ehrlich zu sein – für mich ist das lediglich das Foto
von einem ganz normalen Stein. Was aber sollte der Leser darin sehen?
Hel Fried: Das Titelbild zeigt eine Satellitentaufnahme des Gebietes, in dem das
Buch spielt. In der Mitte ist der große Krater zu erkennen. Tatsächlich
handelt es sich dabei um ein echtes Satellitenbild, das entsprechend bearbeitet
wurde. Der Berg rechts ist ein bekannter europäischer Vulkan.
X-Zine: Viele Autoren geben an, bei
ihren Romanen „einfach drauf los“ zu schreiben. Tinnitus ist aber doch mit
seinen verschiedenen Handlungssträngen so komplex, dass das kaum vorstellbar
ist. Wie sieht Ihre Arbeitsplanung aus?
Hel Fried: Genau so habe ich es aber gemacht, ich habe einfach drauf
losgeschrieben. Geplant habe ich nicht viel. Ich hatte die Idee im Kopf und fing
mit dem ersten Kapitel an. Oft wusste ich noch nicht einmal genau, wie ein
Kapitel ausgehen würde, wenn ich damit anfing. Manchmal musste ich auch das
Ende, das ich mir vorgestellt hatte ändern, weil ich während des Schreibens
bemerkte, dass es einfach nicht so funktionieren konnte wie ich mir das
vorgestellt hatte. Der Preis für dieses chaotische Vorgehen war, dass ich oft
mit nachträglicher Überarbeitung bestraft wurde, da ich dann gezwungen war frühere
Kapitel auf Continuity-Fehler zu überprüfen. Einmal musste ich sogar ein
ganzes Kapitel nachträglich einfügen.
X-Zine: Wer Ihren Roman liest, für
den wird eines deutlich: offenbar hat Sie der polnische Sciencefiction Autor
Stanislaw Lew nicht unwesentlich beeinflusst – immerhin werden zwei Außerirdische
in Ihrem Roman nach seinen wiederkehrenden Charakteren benannt. Was fasziniert
Sie so an diesem Autor?
Hel Fried: Stanislaw Lem ist in meinen Augen einer der letzten großen
Science-Fiction Autoren der alten Schule, wie Asimov oder Bradbury. Er hebt sich
durch seinen Stil und die Fülle von Ideen von dem ab, was heute oft unter
Science-Fiction verstanden wird.
X-Zine: Ich finde es geradezu
erstaunlich, dass in Tinnitus keine Ausdrücke vorkommen, die dem Englischen
angelehnt sind. Kann man heutzutage überhaupt noch „automatisch“ so
schreiben, wie Sie das getan haben, oder ist es eine ganz bewusste Ablehnung des
„Neudeutschen“?
Hel Fried: Nun, es kommen sehr wohl solche Ausdrücke vor, wie zum Beispiel der
"Dispenser", aber ich habe versucht diese Wörter auf ein Minimum zu
beschränken, genauso wie ich versucht habe, nicht von der heutigen Situation
auf die zukünftige Lage der Welt zu schließen. Auch schiele ich nicht mit
einem Auge nach ausländischen Märkten, während ich schreibe. Deshalb vermied
ich es auch, die Namen real existierender Länder und Städte zu benutzen.
X-Zine: Eine nicht unwesentliche
Rolle in Ihrem Roman spielen Angst und Vorurteil gegenüber Telepathen. Nun, in
unserer Zeit gibt es keine Telepathen – dennoch: kann der Mensch von heute
eine Lehre daraus ziehen?
Hel Fried: Der Mensch kann aus allem eine Lehre ziehen, aber tut er das jemals?
Ich denke nicht, dass mein Roman irgendjemandem die Augen öffnen wird und ihn
zum Umdenken bewegt. Ich denke, die meisten Menschen kennen die verschiedenen
Standpunkte, was Vorurteil und Toleranz betrifft. Es bleibt jedem selbst überlassen
seine Entscheidungen zu treffen. Ich habe in "Tinnitus" versucht ein
glaubhaftes Bild der Menschen zu zeichnen wie ich sie sehe. Natürlich wäre es
schön, wenn die Menschen in Frieden zusammen leben könnten, aber die
Geschichte zeigt immer wieder, dass es nicht funktioniert. Vielleicht bin ich
aber einfach zu pessimistisch.
X-Zine: In Tinnitus beschreiben Sie
detailliert genetische Züchtungsexperimente. Inzwischen ist das nicht mehr
einfach nur ein Sciencefiction Thema: was denken Sie, steht uns in dieser
Richtung noch bevor? Ich meine hier nicht die ferne Zukunft, sondern durchaus
eine Zeit, die wir theoretisch noch erleben können, so in etwas die nächsten
zwanzig bis fünfzig Jahre.
Hel Fried: Die Medizin ist ja heute schon in der Lage die medizinische Zukunft
eines Menschen noch vor der Geburt vorauszusagen. Damit meine ich, welche körperlichen
Probleme innerhalb welches Zeitraumes wahrscheinlich sind, welches Risiko
besteht Krebs zu bekommen, usw. Also, denke ich, es wird in die Richtung gehen,
diese "Nachteile" zu beseitigen, um qualitativ möglichst
"hochwertige" und "gesunde" Nachkommen zu erhalten. Natürlich
würde ein solches Vorgehen sehr schnell eine weitere Kluft zwischen Arm und
Reich aufreißen, wenn nicht sogar eine neue Rasse erschaffen. Aber ich denke,
das ist erst einmal Stoff für einen Roman.