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Interview mit dem Autor Marcus Hammerschmitt über seinen Roman "Der Zensor"

Durchgeführt von Nina Horvath für das X-Zine

 

X-Zine: Wo sind Sie aufgewachsen?
Marcus Hammerschmitt: Im Saarland. Das ist ein kleines, nahezu vergessenes Bundesland der Bundesrepublik Deutschland mit einer Million Einwohnern, die seltsame Bräuche pflegen und einen drolligen Dialekt sprechen. Jetzt lebe ich im schwäbischen Teil Baden-Württembergs. Schwaben ist für jeden unvergeßlich, der auch nur kurze Zeit dort gelebt hat, weil die Einwohner sehr seltsame Bräuche pflegen und einen extrem drolligen Dialekt sprechen.

X-Zine: Haben Heimat oder ein besonderes Erlebnis in der Jugend Ihr Schreiben beeinflußt?
Marcus Hammerschmitt: O ja.

X-Zine: Wann und warum haben Sie begonnen zu schreiben?
Marcus Hammerschmitt: Mit zwölf. Ich wollte es. 

X-Zine: Welche Person hat Ihr Schreiben beeinflußt?
Marcus Hammerschmitt: Zwei meiner Deutschlehrer, mit denen ich Glück hatte. Und viele, viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen.

X-Zine: Welches Buch lesen Sie gerade?
Marcus Hammerschmitt: "Red Mars" von Kim Stanley Robinson.

X-Zine: Was ist ihre Lieblingsfarbe?
Marcus Hammerschmitt: Es gibt deren zwei: rot und blau. Dann gibt es eine bestimmte Farbe, die zu sehen ist, wenn man ein paar Meter tief in sonnenbeschienenem Wasser taucht, und die Strahlen der Sonne sowohl durch das Wasser als auch durch die aufsteigenden Luftblasen aus der Aqualunge gebrochen und verzerrt werden. Leider kenne ich diese Farbe nur aus dem Fernsehen, und wie sie heißt, weiß ich auch nicht. Aber heute ist sie meine Lieblingsfarbe.

X-Zine: Welche Musik hören Sie gerne, auch beim Schreiben?
Marcus Hammerschmitt: Ich höre gerne Musik, aber nie beim Schreiben, weil es mich zu sehr ablenkt. Intelligente Popmusik interessiert mich immer.

X-Zine: Wann und wo kommen Ihnen Ihre besten Ideen?
Marcus Hammerschmitt: 1) Beim Schreiben.2) Kurz vor dem Einschlafen. Leider vergesse ich sie dann oft.

X-Zine: Haben Sie ein Lieblingsbuch, selbst verfasstes oder fremdes?
Marcus Hammerschmitt: Eines meiner Lieblingsbücher heißt "Jahrestage" und stammt von Uwe Johnson. Ein anderes "Bücher, Buchstaben, Bilder",  es handelt von Leben und Werk des Graphikers Hannes Jähn. "Kleinstadthelden" und "Das rote Schiff" von Andreas Mand würden mir einfallen.  Mein schönstes Buch ist immer mein neuestes, also derzeit "Der Zensor". "Instant Nirwana" und "Wind" liegen mir abergleichfalls am Herzen.

X-Zine: Welches Buch/Geschichte eines fremden Autors hätten Sie gerne selber geschrieben?
Marcus Hammerschmitt: Das sage ich nicht.

X-Zine: Woran arbeiten Sie derzeit?
Marcus Hammerschmitt: An Kurzgeschichten, die leicht betrunken an der Grenze zwischen Science Fiction und Horror entlangtaumeln. Eine Herausforderung für mich.

X-Zine: Was sind die schwierigsten Arbeiten als Marcus Hammerschmitt für Sie heute?
Marcus Hammerschmitt: Die schwierigste Arbeit für mich besteht immer darin, Leute daran zu erinnern, daß sie mir noch Geld schulden. Ich überwinde mich aber dann.

X-Zine: Wenn Sie auf ihre bisherigen Werke zurückblicken, welches würden sie heute gerne nochmal schreiben?
Marcus Hammerschmitt: Keines. Zweimal denselben Stoff zu bearbeiten finde ich langweilig.

X-Zine: Was finden Sie so faszinierend an ihrem Genre?
Marcus Hammerschmitt: An welchem?
(Anmerkung der Redaktion: hier sind wir in die typische Falle des formalisierten Interviews gefallen. Gemeint war der Bezug zu Science-Fiction, dem Genre des letzten Romans.
Pech gehabt.)

X-Zine: In Ihrem neuen Roman, „Der Zensor“, ist die alte Mayakultur wieder an die Macht gekommen. Diese Kultur vereinigt in sich einerseits hochspezialisierte Technologie, andererseits sind die Menschen wieder in einen archaischen Götterglauben zurückgefallen, bei dem sogar Blutopfer dargebracht werden- wie paßt das zusammen?
Marcus Hammerschmitt: Leider nur allzu gut. Es war eine der großen unangenehmen Überraschungen der Geistesgeschichte, daß instrumentelle Vernunft, also der entschlossene Gebrauch der Technik zu scheinbar rationalen Zwecken, sehr wohl mit totaler Inhumanität und auch absolut reaktionären politischen Systemen einhergehen kann. (Walter Benjamin war sogar der Meinung, daß wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder technologische Fortschritt mit einem sozialen Rückschritt erkauft wird). Die atavistische Blutsmythologie des Nationalsozialismus zum Beispiel hat sich mühelos mit den damals modernsten Errungenschaften der Technologie vertragen, es gab zwischen der damaligen Ingenieurselite und der Politik nicht einmal größere Reibungsverluste (s. Wernher von Braun und seine Raketen). Die Neo-Mayas im "Zensor" sind keine Nazis - einer der wichtigsten Unterschiede ist zum Beispiel der mangelnde Zentralismus, der auch bei den klassischen Mayas in organisatorischer Hinsicht schon ein großes Manko war - aber sie unterhalten dennoch ein Unterdrückerregime (übrigens mit der Rechtfertigung, sie müßten sich jetzt für die jahrhundertelange Unterdrückung ihrer Vorfahren durch die Weißen rächen). Und bei ihnen ist genau das der Fall, was wir schon x-fach in der Geschichte erlebt haben: Morgens betreiben sie moderne Forschung, abends beten sie bluttrinkende Gottheiten an.

 X-Zine: Die Hauptcharaktere sind sicher keine typischen Helden. Der eine ein mächtiger Staatsmann, für den Intrigen und andere auszuspionieren an der Tagesordnung steht, der andere überhaupt ein Terrorist. Wie schaffen Sie es eigentlich, daß der Leser sich dennoch identifizieren kann?

Marcus Hammerschmitt: Nun, ist zunächst nicht einmal Yaqui der Terrorist? Er terrorisiert als Geheimdienstchef nicht nur die Spanier, sondern auch seine eigenen Leute, und das nicht zu knapp. Und ist Enrique nicht ein Freiheitskämpfer? Er jedenfalls sieht sich so. Das sind so Fragen des Standpunkts – aber jenseits davon sind Yaqui und Enrique auf sehr subtile Weise gebrochene Charaktere, Außenseiter, die sich nicht nahtlos in ihre eigenen Kulturen eingefügt haben, und darum - jeder auf seine Weise - zu einem Sicherheitsrisiko werden. An einem ganz bestimmten Punkt bemerken beide, daß sie von ihren eigenen Kulturen erwürgt zu werden drohen - und ab da sind sie auf eine furchtbare, existenzielle Weise frei. Vielleicht ist es das, was sie überzeugend macht.

X-Zine:  Abgesehen von den Hauptpersonen gibt es noch eine weitere hervorstechende Persönlichkeit: Eine KI, die schließlich letztendlich auch die Macht übernimmt. Die Handlungen zeugen nicht nur von Intelligenz, sondern werden gegen Ende des Buches immer unberechenbarer. Glauben Sie, daß es irgendwann einmal, ob nun in näherer oder fernerer Zukunft, eine Maschine geben wird, die zu einer solchen Handlungsweise fähig sein wird, oder ob irrationales Verhalten für immer den Menschen vorbehalten sein wird?
Marcus Hammerschmitt: Das ist eine sehr schwierige Frage. Die für mich immer noch passendsten Antworten stehen in einem Essay, der auch auf dem Internet verfügbar ist: http://sinn-haft.action.at/nr_10/nr10_hammerschmitt_blinde_spiegel.html

X-Zine: In Ihrem Roman gibt es ja doch mitunter ziemlich groteske Stellen - vor allem im Zusammenhang mit besagter „denkenden Maschine“, die sich sadistische Spiele mit dem Titelcharakter erlaubt und ihm u.a. andauernd dreidimensionale Abbilder seiner ermordeten Geliebten vorsetzt. Wie äußern sich eigentlich Ihre Bekannten zu derartigen Szenen?
Marcus Hammerschmitt: Bis jetzt noch gar nicht. Ich will doch sehr hoffen, daß mich meine Bekannten nicht mit den grausamsten Charakteren aus meinen Büchern verwechseln.

X-Zine: Sie haben die Gestaltung der Umschlaggrafik selbst übernommen. Was soll das Bild symbolisieren?
Marcus Hammerschmitt: Eigentlich genau das, was Sie oben schon angesprochen haben: das Ineinander von technischer Modernität und extremem kulturellem Traditionalismus. Die Maske (die ich übrigens wunderschön finde), ist eine originale Maya-Schöpfung, es handelt sich um eine Grabmaske aus dem ehemaligen Maya-Stadtstaat Calakmul, heute in Mexiko gelegen (Entstehungszeit der Maske: 600 - 900 n. Chr.) Die verfremdete Platine im Hintergrund und die Schläuche stehen für die Technologie-Orientiertheit der Neo-Maya (übrigens waren ihre historischen Vorbilder auch schon sehr versierte Techniker). Die Schläuche stehen außerdem für den Prozeß der "Befragung", von dem im Roman des öfteren die Rede ist. Die Farbe Grün war und ist für die Maya sehr wichtig, sie steht für das Leben selbst. Deswegen konnten sie viel mehr mit Jade als mit Gold anfangen. Und deswegen war ich froh, daß Computerplatinen hauptsächlich grün sind.
Die Rückenillustration des Buchs stammt übrigens ebenfalls von mir. Da habe ich aus dem verfremdeten Schaltplan einer Computertastatur die originalen Seriennummern entfernt und durch Maya-Hieroglyphen ersetzt.

X-Zine: In „Der Zensor“ haben sie ja eine ganze Kultur entworfen. Wird es ein Wiedersehen mit dieser Welt geben, eine Fortsetzung oder vielleicht auch einen Band Vorgeschichte, der beschreibt, wie das alles entstanden ist?
Marcus Hammerschmitt: Prequel und Sequel also. Ich glaube, ich verstehe heute das Bedürfnis vieler Leser besser, in eine Welt einzutauchen und sich dort aufzuhalten, ein wenig woanders zu leben, Urlaub vom Alltag zu machen. Will ich dieses Bedürfnis bedienen? Kann ich es überhaupt? Doch nur dann, wenn mir eine überzeugende Geschichte einfällt.

Weitere Infomationen zum Autor finden sich auf seiner Homepage.

Rezension von "Der Zensor".