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Das Science Fiction Jahr 2004

Eine Rezension von Nina Horvath
 

 

Mit über tausend Seiten an Volumen kaum zu schlagen - so präsentiert sich "Das Science Fiction Jahr 2004", herausgegeben von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke. Der erste Eindruck täuscht nicht: Bei vorliegendem Band handelt es sicherlich um keine leichte Kost. Enthalten sind sekundärwissenschaftliche Artikel zu titelgebendem Genre, die durchaus niveauvoll sind. Manche davon sind leichter zu lesen und unterhaltsam, andere doch recht anstrengend.
Schwerpunkt des Buches bilden Texte über Space Operas. Diese sind doch einigermaßen Perry-Rhodan-lastig, allerdings auch durchaus für Nicht-Eingeweihte lesbar.
Von dem Dutzend Artikel bleibt mir besonders Thomas M. Dischs "Von der Erde zum Mond - in hundertundeinem Jahr" im Gedächtnis. Der Artikel ist sehr umfassend und zieht sich von den Wurzeln der Science-fiction, die bei Autoren wie H.G. Wells und Jules Verne liegen, bis in die jüngere Vergangenheit. Ein liebevoll verfasster, aber stellenweise auch recht kritischer, fast schon ironischer Blick auf das vom Verfasser offensichtlich geschätzte Genre.
Weiters mit großer Begeisterung folgte ich Uwe Neuholds "Noch Science - oder nur noch Fiction?", in dem die in Space Operas verwendeten Technologien einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Besonders abgesehen hat es Neuhold dabei auf Gerätschaften aus Star Trek, die auf ihren "Reality-Faktor" geprüft werden.
Der zweite große Block dreht sich um Bücher und Autoren. Besonders originell präsentiert sich "Schweden im Weltall" von Linus Hauser. Die Schilderung dieses "bizarren Stücks völkischer Science Fiction" - wie Hauser es so treffend ausdrückt - ist einfach erfrischend anders. Auch die anderen Artikel sind durchaus interessant, am besten gefiel mir "Mythen der nahen Zukunft" von Michael K. Iwoleit. Darin präsentiert er das facettenreiche Werk des genialen, sicherlich nicht angepassten Autors J.G. Ballards. Besonders gefällt mir daran, dass der Artikel nicht mit Standards wie Geburtsdatum oder Kindheit des besprochenen Autors beginnt, sondern sehr geschickt sofort das Werk vorstellt und dann erst später einen geschickten Bogen zu wichtigen Ereignissen aus dem Leben Ballards spinnt.
Einzig und allein aus Gundula Sells "Bücher statt Plüschtiere!" werde ich einfach nicht schlau. Hinter der allgegenwärtigen, an Aufdringlichkeit nicht zu überbietenden Liebeserklärung an Harry Potter und ihrer konfusen Darstellung der Zeit nach der Wende frage ich mich: Was will uns die Frau eigentlich sagen? Und vor allem: Was hat das alles mit Science-fiction zu tun?
Nach diesem seltsamen Ausflug folgt dann wieder ein Höhepunkt: Ein recht langes Interview mit dem Bestsellerautor Andreas Eschbach. Man erfährt einige interessante Tatsachen über ihn, besonders beeindruckt hat mich die unkonventionelle Einstellung dieses Schriftstellers zum Thema Geld, was sich auch in seinem Roman "Eine Billion Dollar" widerspiegelt. Doch weist dieses Interview einen großen Mangel auf: Die Fragenden - Sonja Disch und Alexander Seibold - scheinen wahre Fans und Kenner von Eschbachs Werk zu sein. An und für sich wäre das ja eine gute Basis für dieses Projekt, allerdings schießen sie in ihrer Begeisterung einfach über das Ziel hinaus und vergessen, dass es Eschbach ist, der im Mittelpunkt stehen sollte! Ihre Fragen ziehen sich mitunter über ganze Absätze dahin und enthalten schon derartig komplizierte Analysen vom Werk des Autors, dass diesem dann leider sehr oft nichts anderes übrigbleibt, als seine knappe Zustimmung kundzutun. Ob er tatsächlich der Meinung ist, oder einfach nur von der Länge der Fragen überfordert wurde, (was in vorliegendem Fall tatsächlich alles andere als eine Schande wäre, spätestens dann nicht, wenn die halbe Bibel nacherzählt und in Verbindung zu Eschbachs Werk gebracht wird) sei dahingestellt.
Nach einem weiteren Interview - dieses Mal mit dem Perry-Rhodan-Chefautor Robert Feldhoff - geht es weiter, mit Science, also Wissenschaft. Will man als Leser nicht mit einem rauchenden Kopf enden, sollte man sich hiervon nur einen Artikel pro Tag vornehmen. Dann jedoch werden einem äußerst interessante Tatsachen präsentiert, die nicht nur ein neues Licht auf die Literatur, sondern vielmehr auch auf unsere tatsächliche Zukunft werfen. Besonders gelungen halte ich "Die ferne Zukunft des Lebens im All" von Rüdiger Vaas. Bekanntermaßen wird in ferner Zukunft kein Leben mehr auf der Erde möglich sein. Noch später wird das uns bekannte Universum ganz aufhören, zu existieren. Akribisch und ohne jegliche Verwendung von Pseudowissenschaft, erklärt Vaas den fortschreitenden Untergang unserer Welt. Zum ersten Mal in meinem Leben erfahre ich nun, wie die Menschheit diesem desaströsen Problem entgegenwirken kann!
Nach diesem Abschnitt, der das Gehirn des Lesers doch recht strapaziert, darf dieser sich bei Berichten über Filme erholen.
Auch auf Artikel über Hörspiele wurde nicht vergessen. Mit besonderer Begeisterung folgte ich Marcus Hammerschmidts Artikel über die Hörspielfassung von Gibsons Neuromancer. Schon mit der Romanfassung des genialen Autors - der damit immerhin das beliebte Subgenre Cyberpunk begründete - zieht Hammerschmidt hart ins Gericht. Wen wundert es dann noch, dass das Hörspiel gnadenlos verrissen wird? Schon allein der Titel "Ambitioniertes Scheitern" sagt bereits alles! Gut, es mag die Schadenfreude sein, die den Artikel so interessant macht, aber Hammerschmidt begründet sein grausames Urteil plausibel und der Text ist vom Stil her angenehm zu lesen.
Noch gegen Ende hin wartet "Das Science Fiction Jahr 2004" mit einem weiteren Highlight auf: Mit Hartmut Kaspers "Der Weltraumhumorserienwettlauf - ost-west-deutsche Sektion" wird die Entwicklung von eher lustigen Comics sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland vorgestellt. Die Formulierungen treffen voll ins Schwarze, gnadenlos deckt Kaspar jeglichen Versuch von mehr oder weniger offensichtlicher, in diese Kunstform eingebetteten Propaganda auf. Dazu kann man sich als als Nicht-Comicspezialist durch die abgebildeten Szenenbeispiele einen guten Überblick über die erwähnten Werke verschaffen.
Insgesamt war ich mit "Das Science Fiction Jahr 2004" äußerst zufrieden. Mitunter sind die Texte etwas zu intellektuell, allerdings finde ich es auch wieder begrüßenswert, dass hier offensichtlich auf Niveau geachtete wird. Von Berichten über momentane, kurzlebige Massenphänomene bleibt der inzwischen schon entnervte Fan weitgehend verschont. Lobend anzumerken ist des weiteren, dass hier wirklich draufsteht, was drin ist: Nämlich Science-fiction! Bei der heutigen Verwässerung der Genres ist inzwischen ein fast ausschließlich dieser immer noch stiefmütterlich behandelten Kunstform gewidmeter Band tatsächlich eine Rarität!