Laut einer bekannten
Redensart sollte ein Buch niemals nach dem Umschlag bewertet werden,
im Fall des Romans „Imagon“ jedoch werden die hohen Erwartungen,
die das Äußere des Buches weckt, durchaus erfüllt. Das schwarze
Hardcover mit Goldprägung, inkludiertem Stofflesezeichen und
Schutzumschlag, der ein recht ästhetisches, dennoch modernes und vom
Autor selbst gestaltetes Titelbild trägt, zeugt von einer Qualität,
die die überall vorherrschenden Taschenbücher so schmerzlich
vermissen lassen.
All das ist jedoch nur ein Vorgeschmack auf den Inhalt des Buches, der
sich spannend, jedoch, vor allem was die zwanglos eingebauten
wissenschaftlichen Arbeitsmethoden betrifft, sorgfältig recherchiert
und niemals niveaulos präsentiert.
Hauptperson des Romans ist der Geophysiker Poul Silis, in dessen Gefühlswelt
der Autor durch die Wahl der Erzählweise - nämlich der Ich-Form -
tiefe und überzeugende Einblicke gewährt. Über das Internet hat
dieser eine junge Frau - Nauna - kennengelernt, die ihn augenblicklich
in ihren Bann schlägt. Von Anfang an macht sie seltsame Andeutungen,
was Pouls Zukunft anbelangt, beispielsweise prophezeit sie ihm, dass
sie sich eines Tages in Grönland treffen würden - was dieser natürlich
für ausgeschlossen hält, da er eine richtiggehende Phobie gegen
Schnee und Kälte hat. Nur einen Tag nachdem er Nauna in real
getroffen hat, stirbt diese.
Dann erreicht Poul die Nachricht, dass ein gewaltiger Meteorit in Grönland
eingeschlagen hat - und das Universitätsinstitut, bei dem er
angestellt ist, schickt ausgerechnet ihn dorthin!
Auf der dortigen Forschungsstation merkt Poul, dass irgendetwas nicht
stimmt. Vom angeblichen Meteoriten kann er selbst mit den ausgeklügelsten
physikalischen Messverfahren keine Spur entdecken, statt dessen ragen
die Reste einer uralten Tempelstadt aus dem Eis. Erstaunlich viele
Mitglieder der Forschungsgruppe sind vorzeitig abgereist, einer seiner
Kollegen lässt ihm gegenüber eine kryptische Äußerung nach der
anderen fallen und da sind auch noch äußerst beunruhigende Träume
über uralte, außerirdische Wesen, die noch vor den Menschen die Erde
beherrschten und die Poul offensichtlich als zentrale Figur ihrer
undurchschaubaren Pläne ausgewählt haben. Die folgenden Ereignisse führen
schließlich dazu, dass er sich Jahrtausende in die Vergangenheit zurückversetzte
findet - und dort Nauna wiedertrifft! Das alles kann kein Zufall sein
- aber bis zum Schluss bleibt unklar, was eigentlich dahintersteckt...
Bei „Imagon“ handelt es sich um einen von H.P.Lovecrafts „Berge
des Wahnsinns“ inspirierten Roman, allerdings ohne ein bloßer
Abklatsch zu sein. Der Autor hat ganz bewusst darauf verzichtet, die
Neuerungen der Technik, die es seit Lovecraft gegeben hat, zu
ignorieren, allerdings sind diese unaufdringlich in die Geschichte
eingewoben und wirken niemals störend. Die Grundstimmung von Kälte,
Verzweiflung und Machtlosigkeit des Protagonisten angesichts eines
undurchschaubaren, kosmischen Plans ist jedoch sowohl bei Marrak als
auch bei seinem großen Vorbild die gleiche und genau das ist das
Wesen des Mythos, das diesen so lange am Leben erhalten hat...