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Ulrike Jonack (Hg.)
Man gönnt sich ja sonst nichts...

Eine Rezension von Nina Horvath
 

 

Bei den vorliegenden, in der Masse der Kleinverlagspublikationen nahezu untergehenden Anthologie ist es vor allem der Titel, der Interesse zu erwecken vermag. Bei diesem Spruch habe ich immer Bekannte meiner Eltern vor Augen, die sich, ein lockeres „Man gönnt sich ja sonst nichts“ auf den Lippen, ans Gratisbuffet drängeln und dort die Teller ordentlich volladen. Das erweckt natürlich Erwartungen – immerhin ist die Sciencefiction das Genre, das allzu menschliche Schwächen mit besonderem Geschick zu entlarven vermag.
Leider ist gerade die Titelgeschichte von Achim Hildebrand ein Text, der mich kaum zu überzeugen vermag – zu angestaubt wirkt der erhobene Zeigefinger in der modernen Sciencefiction. Doch dem Autor ist es in diesem Band noch weitere drei Mal vergönnt, sein Können unter Beweis zu stellen: gerade in der Geschichte „Tausend Banner im Sand“ kann er seinen Wortwitz spielen lassen.
Neben dem Titel ist es jedoch vor allem das Titelbild, das sehr ansprechend ist. Zum einen passt es farblich hervorragend zu dem vorgegebenen grünen Rahmen der Leselupenreihe, zum anderen ist das Bild einfach nur süß. Es zeigt passend zum Thema einen Außerirdischen – doch entgegen der Klischeevorstellung nicht auf einem Raumschiff vor einem Sternenhimmel, sondern gemütlich in einem Liegestuhl auf einem extraterrestrischen Strand sitzend und in einem Buch schmökernd. Da man diesen von hinten sieht und praktisch nur an den vorgestreckten Tentakeln erkennt, bleibt viel Spielraum für die Fantasie.
Die Künstlerin – Susanne Jaja – hat aber nicht nur mit Bildern ein Geschick: ihre beiden Geschichten beweisen, dass die Frau beneidenswerterweise zudem auch noch schreiben kann. In ihrer Geschichte „Vielen Dank für die Blumen“ geht es um ein paar Schauspieler, die nervös einem intergalaktischen Theaterfestival entgegenfiebern. Dabei darf einfach nichts schief gehen – und tatsächlich läuft die Vorstellung zunächst glatt über die Bühne, bis die Menschen einen entsetzlichen Fauxpas begehen...
Tatsächlich sind es vielfach Missverständnisse, die in diesem Buch das Zusammentreffen zwischen Menschen und Außerirdischen prägen. So auch die Geschichte „Kartoffelernte“ von Herausgeberin Jon, wo der Protagonist Erdäpfel für Weganer anbauen soll – doch diese hatten sich das anders vorgestellt! Ebenso problematisch läuft es in Michael Schmidts Geschichte „Geliebte Maid“ ab, worin dem Leser intime Einblicke in zwischen“humanoide“ Beziehungen ermöglicht werden. Dass diese Form der Sexualität nicht ohne Komplikationen ablaufen kann, versteht sich dabei fast von selbst.
Aber auch rein menschlicher Beischlaf kann in der Zukunft mit unerwarteten Schwierigkeiten aufwarten, wie das in Ralf Steinbergs „Vater werden ist nicht schwer“ so anschaulich beschrieben wird.
Meine Lieblingsgeschichte in diesem Band dreht sich allerdings überraschenderweise nicht um Außerirdische. Vielmehr scheint es ein anderes klassisches Sciencefiction Thema zu sein – nämlich das der Künstlichen Intelligenz – das es auch Volker Hagelstein angetan hat. In „Der Defekt“ stellt er die Technik der Zukunft vor – Küchengeräte! Ja, tatsächlich. Aber natürlich keine, wie wir sie kennen, sondern sprechende Kühlschränke und Kaffeemaschinen, die zudem auch noch über nur allzu menschliche Eigenschaften verfügen... Insgesamt sind es ja ganze siebenzwanzig Geschichten, die in diesem Buch vertreten sind – zu viele, um auf jede einzeln einzugehen. Es ist natürlich klar, dass eine Geschichte mal mehr, eine andere weniger gefällt – aber bei so vielen Texten kann der Leser ja auch getrost mal ein weniger reizvolles Werk überblättern: es bleibt trotzdem noch genug lohendes Material übrig.
Insgesamt gesehen ist es eine recht liebevoll gemachtes Werk, das neuen Autoren eine Chance gibt – oder sind sie vielleicht gar nicht mehr so unbekannt? Wer sich in der deutschsprachigen Sciencefiction Szene ein wenig auskennt, wird nämlich feststellen, dass man diesen hoffnungsvollen Schriftstellern erstaunlich oft begegnen kann – ob nun mit weiteren Anthologiebeiträgen, als Herausgeber oder auch als Romanschreiber...