Mit einem
Umfang von annähernd achthundert Seiten sieht „Morphogenesis“
nicht wie ein Buch aus, das man so schnell mal nebenbei liest. Doch
die Handlung ist derartig spannend, dass sich der Leser, der sich
eigentlich nur mal ein Kapitel zu Gemüte führen wollte, unversehens
hundert Seiten später wiederfindet.
Der Anfang präsentiert
sich geradezu klassisch: Die Hauptperson, ein Archäologe, findet in
der lybischen Wüste eine sechsseitige Pyramide. Die Forscher dringen
in das Bauwerk ein und setzen eine Reihe von Ereignissen in Gang,
wobei es auch zu einem unerklärlichen Todesfall kommt.
So weit kommt einem die Handlung noch von diversen anderen Machwerken
relativ bekannt vor. Als Leser scheint es zu dem Zeitpunkt absolut
unerklärlich, warum „Morphogenesis“ nun als Sciencefiction
verkauft wird. Tatsächlich gibt es später immer wieder mal leichte
Anklänge in diese Genrerichtung, die meisten gegen Ende hin –
dennoch wäre das Buch wohl im Fantasyregal besser aufgehoben.
Unbestritten
jedoch ist die interessante Charakterwahl Marraks: Die Hauptperson mit
dem ungewöhnlichen, aber passenden Namen Hippolyt Krispin ist zwar
ein gebildeter Mann, aber weit vom Superheldenimage entfernt. So ist
er weder besonders mutig, noch gutaussehend und scheint auch ein
ernsthaftes Alkoholproblem zu haben. Ein anderer Charakter fasst seine
Eigenschaften so treffend zusammen, dass ich mir ein Schmunzeln nicht
vergreifen konnte: Er beschreibt Krispin als „... schmächtig, brünett,
dank heilloser Selbstgefälligkeit wieder einmal unbeweibt. Ferner
akrophobisch geprägt, latent schizoid, hypochondrisch veranlagt, zu
Cholerik und Paranoia neigend...“
Eine
geheimnisvolle Frau taucht auf und bringt Krispin dazu, eine Reise zu
unternehmen. Doch was als Taxifahrt beginnt, endet im ägyptischen
Totenreich! Doch dieser Ort ist noch so viel mehr: Er schient die Höllen
sämtlicher Kulturen in sich zu vereinen. Hippolyt kämpft sich vorbei
an in Alkohol kochenden Gestalten, ladet selbst in einem Pechsee
zusammen mit sexbesessenen Sündern, soll von Maschinen bewachst
jahrelang ständig im Kreis laufen, trifft später auf Golems,
Riesenspinnen und allerhand andere Ungetüme und gewinnt auch mit der
Zeit Verbündete. Lange muss er umherirren, stets von
Maschinenmonstern gejagt...
Marrak
verarbeitet viele Mythen auf recht eigenwillige Weise, schwankt
zwischen Tiefsinnigkeit und Sarkasmus. Splattereffekte beim regelmäßigen
Ableben der sich doch immer wieder regenerierenden Hauptperson und
eine rasante Erzählweise werden von Insiderwissen, das offensichtlich
auf sorgfältiger Recherche beruht, abgelöst. Gerade dieser
interessante Mix lässt keine Langeweile aufkommen und macht aus dem
voluminösen Werk spannende Genrelektüre, die aber auch ein hohes
Niveau nicht vermissen lässt.