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Kai Meyer
Nibelungengold

Eine Rezension von Nina Horvath
 

 

Zwar ist die phantastische Verarbeitung des Nibelungenepos keine Neuheit, ungewöhnlich ist jedoch, dass die eigentliche Handlung des bekannten Sagenstoffes nur am Rande gestreift wird.
Vorweg zu schicken ist außerdem, dass es sich hierbei um einen Sammelband, der vier teilweise nur lose zusammenhängende Romane enthält, handelt. Deshalb sie bei jedem der Teile, die man im Grunde genommen auch getrennt rezensieren könnte, kurz auf den Inhalt eingegangen:
Der erste Teil beschäftigt sich mit dem jungen Hagen von Tronje, der vorübergehend völlig erblindet auf einem Schlachtfeld erwacht. Vollkommen hilflos bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Hilfe einer jungen Fremden anzunehmen, der er erzählt, wie er als Kind gefundenes Rheingold an sich nahm, ohne zu wissen, dass ihn der Besitzer, der sagenumwobenen Siebenschläfer, mit einem Fluch belegen würde. Der Fluch bringt Leid über alle die, die Hagen nahe stehen, seine Familie und auch seine erste große Liebe fallen dem Fluch zum Opfer. Auch die Fremde schleppt ein düsteres Geheimnis mit sich...
Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, bekanntester der Runde der Zwerg Alberich, dem gerade seine Tarnkappe von Siegfried geraubt wurde- um weiterhin den Hort beschützen zu können, macht er sich auf eine abenteuerliche Reise zu dem Kadaver des getöteten Drachens, um im unverwundbar machenden Blut zu baden...
Die gleiche Konstellation an Hauptcharakteren findet man auch in der Rahmenhandlung des nächsten Teils wieder. Der Nibelungenhort ist bedroht und Alberich erinnert sich aus diesem Anlass heraus an eine alte Legende des Zwergenvolkes...
Im letzten Teil steht dann Kriemhild im Mittelpunkt, sie glaubt, das Burgunderreich vor der Pest retten zu können, indem sie eine berüchtigte Hexe aufsucht, wobei sie ihre Reise mitten durch das verseuchte Gebiet führt. Unterwegs lernt sie den fahrenden Sänger Jakobus kennen, der behauptet, von den Göttern selbst verfolgt zu sein...
Die Bewertung dieses Buches fällt außerordentlich schwer, da es sich ja um vier eigenständige Werke handelt. Zusammengehalten werden sie vor allem durch die in jedem Teil wiederkehrende und unglaublich charismatische Gestalt des Hagen von Tronje, dessen düstere und geheimnisvolle Erscheinung umso mehr wirkt, da der Leser im ersten Teil seine Kindheit, seine Beweggründe und auch seine menschliche Seite kennengelernt hat. Die Bedeutung des titelgebenden Nibelungengoldes leuchtet -abgesehen davon, dass der Name des Buches in dem Zusammenhang ziemlich nach 0-8-15 riecht- nicht ganz ein, wenn man bedenkt, dass im letzten Teil Gold nicht einmal erwähnt wird. Auch ansonsten ist der 4. Roman in diesem Sammelband eher unnötig, Kriemhild als Abenteurerin darzustellen, die gegen Ende ihrer Reise mitten im Burgunderreich ausgerechnet auf den Hunnenkönig Etzel stößt, liefert ein doch nicht ganz stimmiges Bild. Ohne den letzten Teil hätte das Werk sicher die volle Punktezahl verdient. Die Charaktere sind originell, zwar auf ihre Weise Helden, jedoch keine dieser farblosen Moralisten, sondern Gestalten, die durch weitaus vielfältigere Beweggründe als reinen Nächstenliebe angetrieben werden und die durch dieses Menschlichkeit umso sympathischer wirken.
Ich sehe es auch positiv, dass keine Nacherzählung des bekannten Stoffes vorgenommen wurde, sodass dem Autor genügend Freiraum bleibt, eine weitgehend eigenständige Geschichte zu erzählen- deren Spannung auf immerhin über 770 Seiten kein einziges Mal nachlässt.